Kusema vizuri – eulogein – gut sagen – Segnen
Eine Predigt zu Numeri 4,22-25
nach vielen Monaten krankheitsbedingtem Lauschen und Suchen nach dem, was ich brauche, um die Balance zwischen den Anforderungen meines Berufes und den Bedürfnissen meines inneren Systems gut halten zu können, bin ich seit fast zwei Monaten ganz langsam wieder pastoral tätig. ich begleite Menschen in Trauer Situationen und entlaste Gemeindekollegen auch im Rahmen ihrer Sonntagsdienste.
es ist sehr spannend, die grundsätzlichen Fragen zu durchdenken und durchfühlen, die in mir auftauchen, wenn ich heute Gottesdienste vorbereite und mit Menschen gestalte.
„darf ich das so machen?“
„bin ich pfarrerlich und churchy genug, dass ich in der Institution Kirche einen Platz habe, auch wenn meine eigene Theologie und mein Verständnis vom Glauben in den letzten Jahren immer weiter geworden ist und sich immer mehr von traditionellen Formen entfernt?“
„Kann und will ich mich in diesen Formen überhaupt noch wiederfinden?“
die Antworten sind vielfältig, aber es bleibt so eine tiefe Gewissheit, dass diese innere Verbindung von meiner Theologie und meinem Wissen über so viele andere Dinge, sei es systemisches Denken, TraumaSensibilität, sei es meine künstlerische Kreativität, die sich mehr und mehr in mir zu einem neuen ganzen formen, etwas ist, dass Kirche gut gebrauchen könnte, wenn Sie auch für Menschen relevant sein mag, die mit den Traditionen nur noch wenig anfangen können.
Ich glaube ich habe eine Gabe eine Sprache zu suchen und zu erfinden die das, was mir theologisch wichtig ist, in ein heutiges Leben sprechen lässt.
ich weiß nicht, ob die Institution das auch so sieht, aber jetzt gerade erlebe ich viel Freude und Sinn in dieser Arbeit.
ich gehe viel häufiger in einen ganz verletzlichen Prozess, indem ich mir zwar vorher viele Dinge überlege, aber dann ganz akut das ausspreche, was sich für mich in der Situation stimmig anfühlt.
Predigt und Gottesdienst als Ereignis.
aber heute morgen für die beiden Gottesdienste habe ich dann doch mal was aufgeschrieben.
Es geht um Wort-Schätze
und um Segen.
ein etwas längerer sonntagsimpuls am Fest der Beziehungsfähigkeit Gottes, Triniatis
Mit einem lieben Sonntagsgruß
Carmen
Als Lesung :
Matthäus 11,25-30
5Danach rief Jesus aus: »Ich preise dich, Vater,
du Herr über den Himmel und die Erde!
Denn du hast das alles
vor den Weisen und Klugen verborgen.
Aber den einfachen Leuten hast du es offenbart.
26Ja, Vater, so hast du es gewollt!
27Alles hat mir mein Vater übergeben.
Niemand kennt den Sohn, nur der Vater.
Und niemand kennt den Vater, nur der Sohn –
und die Menschen,
denen der Sohn den Vater zeigen will.«
28»Kommt zu mir, ihr alle,
die ihr euch abmüht und belastet seid!
Ich will euch Ruhe schenken.
29Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe.
Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch
und sehe auf niemanden herab.
Dann werden eure Seelen Ruhe finden.
30Denn mein Joch ist leicht.
Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.«
Welche Worte sind Dir kostbar?
Welche Worte öffnen Dein Herz und zaubern ein Lächeln auf Dein Gesicht, wenn Du an sie denkst?
Vielleicht: „JA, ich will.“
Oder „ich lass Dich nicht allein“
Vielleicht: „wir kriegen das zusammen hin“
Ganz schlicht: „wir machen jetzt erstmal eine Pause“
Oder: „ich bin da“ für Dich da.
Ich hoffe, Du hast in Deinem Leben solche kostbaren Worte gehört und gesprochen.
Hast gespürt,
wie Du durch diese Worte Mut und Kraft gewonnen hast, für den nächsten Schritt in Deinem Leben.
Ich hoffe,
diese Worte waren tragfähig. Haben gehalten, was sie entfaltet haben.
Waren ein Segen für Dich.
Die richtigen Worte zur richtigen Zeit können ein Leben bewegen. Können ein Leben zur Ruhe bringen.
Wichtiger sein als Brot und Kuchen.
Jesu Worte aus dem Evangelium sind für mich solche Worte:
Kommt zu mir, ihr alle,
die ihr euch abmüht und belastet seid!
Ich will euch Ruhe schenken (…)
Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch
und sehe auf niemanden herab.
Dann werden eure Seelen Ruhe finden.
Das sind Worte, die mir zeigen, dass mich jemand sieht
Meine Belastungen und Pakete, die ich mit durch das Leben schleppe.
Das sind Worte, die mir Zuversicht schenken, dass ich es nicht alleine schaffen muss. Das einer mit mir danach sucht, wie das geht. Das Leben.
Das Losgehen, wenn es sich so schwer anfühlt, dass ich selbst den Mut sinken lasse.
Das Vertrauen, wenn ich noch gar nicht weiß, wie es weiter gehen könnte.
Ich bin dankbar für solche Worte. Sie gehören zu meinem Wortschatz.
Zu dem, was mir kostbar ist
Wovon ich lernen will,
wie ich selbst mit anderen spreche.
Denn das Sprechen ist immer wieder herausfordernd.
Mit welchen Worten beschreibe ich mein Leben?
Welche Geschichten erzählst Du über Dich?
Welche Gedanken denkst Du über Deine Mitmenschen?
Und wie sprichst Du mit dem, der es Dir immer wieder schwer macht?
Ich erwisch mich immer wieder dabei
Wie ich das Kritische schneller sehe und sage
Als das Gute
Wie ich meinen unangenehmen Gefühlen, meiner Angst, meiner Wut oder meiner Verzweiflung
Viel schneller und deutlicher Worte verleihe
Als meiner Freude, meiner Dankbarkeit, meiner Hoffnung.
Und wie ich damit einen Schutzwall hochziehe,
weil ich nicht verletzt werden möchte.
Das ist wohl in uns Menschen biologisch so angelegt:
Wir haben überlebt,
weil wir auf das Gefährliche und die Grenzen aufgepasst haben.
Weil wir gelernt haben, uns zu schützen.
Und wir zahlen einen Preis dafür,
wenn wir
Worte der Kontrolle sprechen
Anstatt des Vertrauens
Der Spaltung
Statt der Verbindung.
Fluch statt Segen.
Was sind Deine Wort-Schätze?
Die Dich tragen und Dir Kraft geben und Dir Mut machen
Für den nächsten Schritt?
Für mich gehören auch ganz alte Worte dazu.
Die ich sonntags im Gottesdienst höre
Die sind mir manchmal wichtiger als die Wortflut einer Predigt (obwohl ich ja selbst gern viele Worte mache)
Oder sogar als die Lieder
Ich meine
Die Schlussworte
Die Segensworte am Ende
Diese Wegzehrung für die Stunden und Tage, die vor mir liegen.
Martin Luther hat vor 500 Jahren diese Worte,
die Gott dem Mose gesagt hat, als Schlusspunkt des evangelischen Gottesdienstes ausgewählt.
Worte, die die Priester Israels auf das Volk legen sollten.
und bis heute tun sie das.
Wir stellen uns mit hinein
Im Vertrauen, dass die Ruhe und die Kraft
Die Jesus für alle Menschen von seinem Vater weitergegeben hat
Gottes Treue so weit macht,
dass wir darin einen Raum finden
Sie stehen im Buch Numeri
Als das Volk schon ewig durch die Wüste zog.
Als die Hoffnung dünn wurde und die Freiheit schwer.
So dass die Sklaverei in Ägypten fast schon wieder attraktiv war.
Da spricht Gott Worte
Die kostbar sind
Wort-Schätze
Die mir – und vielleicht ja auch Dir
Ins Herz sprechen:
22Und der Herr redete mit Mose und sprach: 23Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24Der Herr segne dich und behüte dich; 25der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Die Priester sprechen die Worte
Und legen so Gottes Namen auf die Menschen.
Gottes Namen, den man aus Ehrfurcht irgendwann nicht mehr ausgesprochen hat
Stattdessen sagte man „Adonaj“ HERR
Und Namen
Und Worte
Bedeuteten damals wie heute Macht.
Wer den Namen eines Menschen kennt,
kann Macht über ihn gewinnen.
So glaubten das die Israeliten damals.
Und so erfahren wir es vielleicht auch noch, wenn wir in Zeiten von KI und Internetkriminalität daran denken, wieviel Schaden Identitätsklau und Datenmissbrauch anrichten können.
Die Priester legen Gottes Namen auf die Menschen
Und Gott schenkt den Segen.
Was für ein Bild für eine ganz nahe Verbindung.
Gott, dessen Name ein Verb ist. Ein Tu-Wort.
Als er sich Mose vorstellt, sagt er „ich bin der „ich bin da“ oder „ich bin, der ich bin“
„ich werde sein, der ich sein werde“
Gottes Name ist ein Beziehungswort.
Und darum passt dieses Nachdenken so gut an den Sonntag Trinitatis, wo wir ja Gott, den Vater den Sohn und den Geist feiern, als die unterschiedlichen Beziehungsangebote, die er uns macht, damit wir ihm nahe kommen können.
Gott segnet. Die hebräische Vorstellung vom Segen ist gelingendes Leben, Fruchtbarkeit, Sicherheit.
Das griechische Wort für segnen ist eulogein – gut sagen.
Beides setzt einen Fokus. Und nimmt in den Blick, was gelingt. Was Lebensförderlich ist. Das, was Frieden schenkt.
Und dieser ist nicht die Abwesenheit von Krieg, sondern Shalom. Ein Wort, dass den Frieden ganz umfassend denkt: als inneren Zustand
und Wohlstand,
als gutes Miteinander
und gutes mit sich sein.
Als Gutes mit Gott sein.
Vielleicht ist ja Segen in diesem Sinne ein JA zum Leben.
Weil Gott, der „ich bin da“
Uns freundlich anschaut.
Weil Gott eine schützende Macht,
ein lichtes Gegenüber
Ein liebevoller Betrachter
Ein sicherer Boden für uns ist
„ich bin da“ segnet und behütet uns
„Ich bin da“ lässt sein Angesicht leuchten über uns
„ich bin da“ ist uns gnädig
„ich bin da“ erhebt sein Angesicht auf uns
ich höre das als Bewegung von unten nach oben
„ich bin da“ schenkt uns Shalom, Leben in allen Facetten.
Gott über uns, bei uns, unter uns.
Und ich ergänze in uns.
Denn von Gottes Lebensatem,
seiner Lebendigkeit
kommt unser Leben her.
Worte wie Schätze
Kostbar und ermutigend
Und gleichzeitig keine Garantie
Dass es immer schön und toll und perfekt sein wird im Leben.
Obwohl wir uns das so sehr wünschen.
Leben bleibt vielschichtig.
Leben ist auch Verletzlichkeit
Leben ist auch Konflikt, ist einander etwas schuldig bleiben.
Ist das Zulassen von allem, was gerade da ist,
um dann damit umzugehen.
Leben ist, den Weg nicht zu kennen und doch zu gehen.
Gott sagt JA
Zum Leben
Zu Dir
Zu mir
Er will Dein Leben fruchtbar machen
Verbunden
Mit allen und allem
Der „ich bin da“ ist da und wird da bleiben.
Mit uns
Mit Dir
Mit mir
In den Wüsten
Unter den Belastungen des Lebens
Da wo es weh tut.
Das hört nicht auf, bloß weil Segen da ist
Doch mit dem Segen
Mit der Kraft des Namens, der ein Tu-Wort ist, oder vielleicht besser ein „Seins-Wort“
Kannst Du den nächsten Schritt wagen.
Segnen ist ein mächtiges Handeln.
Es richtet uns aus
Auf die Verbindung
Auf den „ich bin da“
Und so ist es auch die Einladung an uns
Segnend durchs Leben zu gehen
Da zu sein, deinen Mitmenschen freundlich anschauen.
Da zu sein als schützende Macht für Deine kleinen Kinder oder Enkel,
Da zu sein, als ein lichtes, offenes Gegenüber für denjenigen, dessen Geschichte Du noch nicht kennst
Da zu sein, als ein liebevoller Betrachter der Entscheidungen meines Nachbarn, der das Urteilen anderen überlässt.
Da zu sein, als ein sicherer Boden für die, die meine Hilfe erbitten.
Alles im Rahmen unserer Möglichkeiten.
Und die sind größer als wir uns das selbst manchmal zutrauen.
Welche Worte sind kostbar für Dich?
Wie besprichst Du die Welt und Dein Leben?
Was ist der Wort-Schatz, den Du empfangen hast
Und weitergeben willst?
Der „Ich bin da“
Wird der sein, der er sein wird.
Ist der Ursprung aller schöpferischen Kraft
Hat uns in Jesus sein menschliches Gesicht gezeigt
Schenkt uns im Geist immer wieder den Mut zu Neuanfängen und lässt uns Schritte aufeinander zu wagen.
JA
Sagt Gott
Vergiß nicht: ich bin da
Ja sagt Jesus
Lern von mir, ich sehe Dich
JA
Will ich immer wieder sagen
Zu dem, was ist
Zu dem was war
Damit ich das, was kommt auf gute Weise gestalte
AMEN
Und der Shalom von Gott
Der so viel mehr ist, als wir uns überhaupt vorstellen können,
komme zu uns
und bleibe bei uns
heute und alle Zeit.
AMEN


